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ein kleiner Lauf in Marbach, eine große Sache für mich

Rückblende: Künzelsau 2004: ein Lauf für Freizeitläufer, 11 km gilt es zurückzulegen bzw. zweimal 5,5 km – für einen geübten Freizeitläufer für mich kein Problem. Denke ich, doch schon nach der Veranstaltung sollte ich eines Besseren belehrt sein. Mit mickrigem Frühstück geht es an den Start. Die Wettkampfsituation treibt mich soweit, dass ich selbst beim Anstieg Mitläufer überholen will. In der ersten Runde klappt das, das Tempo bleibt eigentlich den ganzen Lauf über kein Problem, bis zu dem Zeitpunkt, als die Konturen der Streckenposten wie auch der ganzen Strecke zu verschwimmen beginnen. Mit Mühe und Not finde ich den Zieleinlauf und breche zusammen. Der im Erste-Hilfe-Zelt gereichte Sprudel macht die Situation nicht gerade besser und letzten Endes tragen mich die Sanitäter auf der Bahre vom Zelt zum Einsatzwagen – ungeschützt vor den vielen Blicken der Schaulustigen, die meinem Ego dabeizusehen, wie es zu knacksen beginnt. Eine Schimpftirade des Arztes im Notarztwagen über Naivität bei Wettläufen und eine Infusion später mache ich mich wieder auf den Nachhauseweg. Unter den ersten zwanzig Läufern dürfte ich gewesen sein, aber ruhmreich geht wohl anders.

Marbach 2015: Banner hängen in der Stadt – darauf ist zu lesen #nichtlaufenkannjeder. Es ist der Hinweis für den Gassenlauf, der am kommenden Wochenende hier stattfindet. 10,5 km gilt es zurückzulegen bzw. dreimal 3,5 km, u.a. durch die wunderschönen Holdergassen, in denen wir seit über zwei Jahren wohnen. Wäre ja gesponnen da jetzt noch mitzulaufen… #NICHTLAUFENKANNJEDER hallt es in meinem Kopf nach und ich sinniere, dass mittlerweile über ein Jahrzehnt seit meiner damaligen Schlappe vergangen ist. Auf den ersten Blick hätte sich nicht viel geändert: die Länge der Strecke ist ähnlich, birgt sogar mehr Steigungen und die Vorbereitungszeit lässt auf hochgradige Naivität schließen. Aber ich bin eigentlich auch nicht mehr der „Alte“, der Student in Künzelsau, der sich beim Laufen etwas beweisen will… und nicht laufen kann jeder. Mein laufbegeisterter Nachbar und mehrfach erprobter Gassenläufer läuft die Strecke aus Neugierde meinerseits mit mir einmal ab. In den Folgetagen laufe ich die Strecke interessehalber in Originallänge, also drei Runden. Juhu, es ist zu schaffen. Ich überlege, ob mir das reicht, um die damalige Geschichte zu verdauen. Aber vermutlich ist es wie mit Leuten, die Flugangst haben und dann in einer Crashtherapie in den Flieger gesetzt werden. Morgen geht es an den Start zu meinem ersten Gassenlauf.

Wieso findet sich diese Geschichte hier auf dem Qi-Blog? :

– Qigong praktiziere ich  nun schon einige Jahre, leite Kurse und versuche Menschen zu mehr Gelassenheit zu bringen und sich selbst zu widmen. Das machte mich auch selber gelassener und ich lernte mich besser kennen. Es gibt Geschichten, die (einem) immer wieder hochkommen. Man kann sie wieder verdrängen oder versuchen, sie aus einem anderen Winkel zu betrachten. Über die Arbeit mit der Energie habe ich gelernt, vorzeitig die Notbremse zu ziehen, wenn es zu viel wird. Es kann beim Lauf morgen gar nicht so enden wie vor elf Jahren, denn bevor ich nochmals im Notarztwagen liege, höre ich einfach auf zu laufen.

– Seit damals esse ich anders, aber das ist eine andere Geschichte, die andernorts zu lesen ist. Sie ist ebenso mit Qigong verstrickt wie diese Geschichte. Der leichtere Magen wird mich morgen auch anders starten lassen.

– Und dann wäre da noch die Sache mit der Fortbewegung, die bei einem Wettlauf wohl eine maßgebliche Rolle spielt. Vor etwa fünf Jahren lernte ich das Qigong-Gehen kennen. Eine Art zu Gehen, die nicht den reinen Zweck erfüllt, sich fortzubewegen. Ich stellte meine tägliche Praxis in Frage, jede Treppe hinaufzuhetzen, in dem ich zwei Stufen auf einmal nehme. Ich begann Elemente der Qigong-Grundhaltung (die Haltung, die man in der Regel vor dem Üben einnimmt) in meinen Alltag zu integrieren, in das Gehen und Stehen. Ich stellte meine Art zu Gehen in Frage und landete nach Recherchen beim Barfusslaufen, das ich seit etwa drei Monaten praktiziere. Es reicht, den Begriff bei Google einzugeben und man wird sehr schnell fündig. Bei dieser Art zu Laufen tritt man vereinfacht gesagt mit dem Vorderfuß zuerst auf und es gibt Schuhe, die das unterstützen. Aber hat man diese Schuhe zu Hause, ist das nur die halbe Miete, man muss neu lernen zu laufen. Meine kleine Tochter (keine zwei Jahre alt) macht es mir jeden Tag vor, denn sie läuft 1A und natürlich auf dem Vorderfuß. Ein leichter Selbsttest zeigt, was diese Art zu gehen bewirkt: man hält sich die Ohren zu und geht so, wie man es gewohnt ist. In der Regel wird man bei jedem Schritt den Aufprall der Ferse hören, die Erschütterung spüren, die der Körper mit jedem Schritt erfährt. Lässt man die Finger in den Ohren und setzt ein paar Schritte zunächst mit dem Vorderfuß auf, hört man nichts – keine Erschütterung, denn der Vorderfuß hat diese abgefangen. Der langen Rede kurzer Sinn. Ich laufe mittlerweile anders. Ich muss zwar das Dreifache an Schritten machen, bin langsamer, aber es ist wohl schonender.

Der Tag X: Ganz so ruhig wie geplant, lässt es sich leider nicht angehen. Denn es ist Samstag, die Kinder sind zu Hause und fordern die ihnen zustehende Aufmerksamkeit beider Elternteile. Daher wird es auch mit den 15 Minuten Meditation nichts, die ich vor dem Lauf noch angedacht hatte. Ich nutze die Zeit beim Küche-Aufräumen, um tief durchzuschnaufen, bei mir zu sein und mich auf den Lauf einzustellen.

Viel Trubel, viele Menschen und über 200 Mitstarter finden sich dann gegen 15:45 Uhr am Startbereich des Gassenlaufs auf der Marbacher Schillerhöhe. Im Countdown wird runtergezählt, es geht los. Bis sich das Feld sortiert hat und jeder sein Tempo und seinen Platz gefunden hat dauert es ein paar Laufmeter. Und schon merke ich, wie ich viel zu sehr außen unterwegs bin, mich vom Trubel der Umgebung ablenken, vom Tempo anderer lenken lasse. Ich versuche meinen Rythmus zu finden, konzentriere mich auf die Barfusstechnik und merke wie schon in der ersten Runde meine Kehle trocken wird. Es ist schwül und an manchen Streckenabschnitten brennt mir die Sonne auf den Pelz. Das Trinken beim Laufen erweist sich als schwierig. Das Wasser, das ich getrunken bekomme, will nicht drinbleiben und den Rest verschütte ich. Am nächsten Streckenposten verschütte ich das Wasser dann absichtlich, aber über mich und es sorgt wenigstens kurzfristig für Abkühlung. Streckenweise laufen Leute im gleichen Tempo neben mir, schnaufen aber anders und es fällt mir schwer, den eigenen Rythmus zu halten. Je nach Kapazität beschleunige ich oder verlangsame, was hilft.

In der zweiten Runde ruft mir ein Mann nach: „Schnapp dir deine Frau!“, eine Reaktion auf mein T-Shirt, das ich am Vorabend noch beschrieben habe. „Adriane!!!“ steht da drauf. Eine Anspielung auf die Szene aus einem der Rocky-Filme, in der Rocky Balboa, nachdem er ramponiert von einem kräftezehrenden Boxkampf, in dem er gesiegt hatte, weder Interviews geben will noch sonst etwas, sondern aus voller Kehle nach seiner Frau (Adriane) ruft. Die Szene kam mir in den Sinn als ich die Strecke im Training in den Tagen zuvor abgelaufen bin und ich dachte, dass es sich in etwa so (für mich bei der Vorgeschichte) anfühlen muss, wenn ich an diesem Samstag über die Ziellinie laufe.

Die vielen Steigungen im Streckenverlauf stecke ich bei der Hitze leider nicht einfach so weg, versuche aber „im Takt“ zu bleiben, den ich aber etwas verlangsame. Als ich die dritte und letzte Runde starte und um die Ecke biege, höre ich wie hinter mir der erste Läufer unter Anfeuerung des Kommentators im Ziel einläuft. Ich freue mich insgeheim, dass er mich nicht überrundet hat. Die Anfeuerrufe meiner an der Strecke stehenden Familie und auch der Nachbarn, lassen mich gerade in der Finalrunde manche Passagen leichteren Fusses nehmen. In den letzten hundert Metern bin ich versucht, meine letzten Reserven anzuzapfen und einem Mitläufer, der länger neben mir läuft , im Endspurt davonzulaufen – zügle und bremse mich, frage mich wofür und lasse ihm in einigen Metern den Vorzug an der Ziellinie. Im Ziel geht der Kommentator noch auf meine lange Jogginghose ein (wenn man alle elf Jahre an so einem Lauf teilnimmt, hat man eben keine Funktionswäsche 🙂 ), auf die Rückseite meines T-Shirts (da stand #meinerstergassenlauf) und er sagt noch: „Ach ja, auf der Vorderseite steht noch ein Frauenname…!“, aber Rocky scheint er nicht gesehen zu haben.

Am Abend nach dem Lauf und der ganzen Aufregung habe ich ein enges Gefühl in der Brust, unterbreche das Aufhängen der Wäsche und lege mich auf den Teppich im Wohnzimmer. Ich atme tief durch und denke mir, dass es wohl die alte Geschichte in Künzelsau damals ist, die sich noch einmal bemerkbar macht und nur „schweren Herzens“ von mir trennen will. Ich lasse sie ziehen, gehe ins Bett und alles ist gut.

#meinersterGassenlauf